"Barrierefrei? Wir haben doch keine blinden Kunden." Der Satz fällt fast reflexartig, sobald das Thema aufkommt. Er klingt vernünftig und geht trotzdem daneben. Barrierefreiheit ist nicht eine Rampe für wenige. Es ist die Frage, ob deine Software überhaupt bei allen ankommt, die sie benutzen sollen.

Für viele klingt Barrierefreiheit nach Pflichtübung: teuer, kompliziert, für eine kleine Gruppe, die man als Kunde ohnehin nicht hat. Also landet sie ganz unten auf der Liste, gleich neben "am Schluss noch schöner machen". Dabei ist sie meistens weder teuer noch kompliziert, solange man sie von Anfang an mitdenkt. Teuer wird nur das Nachrüsten. Und die Gruppe ist deutlich grösser, als der Satz oben vermuten lässt.

Es geht nicht um Behinderung, sondern um Situationen

Wer bei Barrierefreiheit nur an den blinden Nutzer denkt, denkt zu klein. Die meisten Einschränkungen sind nicht dauerhaft, sondern vorübergehend oder situativ. Und in so eine Situation gerät früher oder später jeder.

Der Monteur auf dem Bau liest den Bildschirm in der prallen Sonne kaum. Die Mitarbeiterin mit dem gebrochenen Arm hat eine Woche lang nur eine Hand für die Maus. Der ältere Stammkunde bestellt gern online, wenn die Schrift nicht so winzig wäre. Und rund acht von hundert Männern haben eine Rot-Grün-Schwäche: Wenn "rot heisst Fehler, grün heisst in Ordnung" die einzige Information ist, sehen die einfach nichts.

Keiner davon ist "behindert" im Sinn, den der Satz oben meint. Trotzdem sperrt eine Software, die nur für gute Augen, eine ruhige Hand und den Idealfall gebaut ist, sie alle aus. Barrierefreiheit ist keine Sonderbehandlung für wenige. Es ist die normale Bandbreite an Menschen und Umständen, unter denen deine Software tatsächlich benutzt wird.

Was das konkret heisst, ohne WCAG-Vorlesung

Barrierefrei bauen klingt nach dickem Regelwerk. In der Praxis läuft es auf ein paar handfeste Dinge hinaus:

Genug Kontrast, damit man Text auch bei schlechtem Licht liest. Schrift, die man grösser stellen kann, ohne dass die Seite in Einzelteile zerfällt. Alles per Tastatur bedienbar, nicht nur mit der Maus. Farbe ist nie die einzige Information, neben Rot steht auch ein Wort. Jeder Knopf und jedes Bild hat eine Beschriftung, die eine Vorlese-Software erfassen kann. Und Klickflächen, die für einen Daumen gemacht sind, nicht nur für den spitzen Mauszeiger.

Für all das gibt es einen Standard, die WCAG. Du musst ihn nicht auswendig können, das ist unser Job. Wichtig ist nur, dass ihn jemand kennt und von Anfang an einbaut, statt am Ende zu hoffen, dass es schon irgendwie passt.

Die Barriere steckt in der Software, nicht im Menschen

Die Barriere steckt in der Software, nicht im Menschen

An derselben Stelle bleibt der eine hängen und kommt der andere durch. Nicht weil der eine weniger kann, sondern weil die Software hier eine harte Kante hat und dort einen sanften Übergang. Wo etwas nur mit der Maus geht, ist die Kante gebaut, nicht gegeben. Barrierefrei heisst schlicht: den Übergang bauen, damit niemand an einer Schwelle steht, die gar nicht nötig wäre.

Musst du das? Die ehrliche Antwort

Rechtlich lässt es sich nicht pauschal beantworten, also der Reihe nach.

In der Schweiz bindet das Behindertengleichstellungsgesetz bisher vor allem den Bund und staatsnahe Stellen. Als privates KMU bist du meist noch nicht direkt in der Pflicht. "Noch" ist dabei das entscheidende Wort. Die Richtung ist klar: Das Thema wird strenger, nicht lockerer.

Sobald du in die EU verkaufst, etwa mit einem Webshop oder einer App, kann der European Accessibility Act greifen, der seit Juni 2025 gilt. Der nimmt genau solche Dienste in die Pflicht. Ob er auf dich zutrifft, hängt vom Fall ab, das gehört einmal sauber geprüft statt geraten.

Aber ehrlich: Für die meisten ist die rechtliche Frage nicht die interessante. Die interessante ist die geschäftliche. Jede Person, die deine Software nicht bedienen kann, geht dir verloren oder kostet dich Zeit. Das gilt, ob ein Gesetz danebensteht oder nicht.

Jede Person, die deine Software nicht bedienen kann, ist ein Kunde, den du an der Tür abweist, oder ein Mitarbeiter, den du bei etwas bremst, das er allein könnte.

Früh gedacht kostet fast nichts, spät nachgerüstet kostet richtig

Das kennst du schon von der Sicherheit: nachträglich draufgesetzt wird es teuer, von Anfang an eingebaut kostet es kaum etwas. Bei der Barrierefreiheit ist es genauso.

Kontrast, Tastaturbedienung und saubere Beschriftungen kosten fast nichts, wenn sie in den Bausteinen stecken, aus denen die Software zusammengesetzt wird. Baust du einmal einen ordentlichen Knopf, ist er überall ordentlich. Rüstest du dasselbe hinterher nach, musst du jeden einzelnen Bildschirm wieder anfassen, den du längst für fertig gehalten hast. Aus einem Detail beim Bauen wird ein eigenes Projekt. Deshalb reden wir früh darüber, aus demselben Grund, aus dem Design kein Anstrich ist und Sicherheit keine Zutat für den Schluss.

Wie wir das halten

Wir bauen schnell, mit agentischen Werkzeugen. Das hilft hier sogar, denn ein guter Teil der Prüfungen läuft automatisch mit: zu schwacher Kontrast, ein Knopf ohne Beschriftung, ein Bild ohne Text. Solche Sachen fängt ein Werkzeug beim Bauen ab, günstig und jedes Mal.

Nur fängt es eben nicht alles. Ob sich ein Ablauf wirklich mit der Tastatur bedienen lässt und ob eine Vorlese-Software noch versteht, was auf dem Bildschirm passiert, sieht man erst, wenn man es ausprobiert. Also legen wir die Maus weg und klicken uns einmal ohne durch. Wir schalten den Screenreader ein und hören zu, was er vorliest. Und im Zweifel gilt dasselbe wie beim Design: einen echten Menschen davorsetzen und schauen, wo er hängen bleibt.

Die Faustregel

Leg einmal die Maus weg und versuch, deine wichtigste Aufgabe nur mit der Tastatur zu erledigen. Stell danach die Schrift im Browser zwei Stufen grösser. Wenn du irgendwo nicht weiterkommst oder die Seite auseinanderfällt, tut das gerade jemand, der nicht anders kann.

Barrierefreiheit ist kein Gütesiegel für den guten Zweck und keine Rampe, die man notgedrungen anschraubt. Es ist die schlichte Frage, ob deine Software für alle funktioniert, die mit ihr arbeiten sollen, oder nur für die, die zufällig gut sehen, ruhig sitzen und beide Hände frei haben. Der Rest ist Handwerk. Man muss nur früh genug daran denken.

Nicht sicher, ob deine Software wirklich bei allen ankommt? Wir schauen ehrlich hin.

#Zugänglichkeit#Design#KMU#Ohne Bullshit
Jule

Jule

Co-Founder & Product · FlowCode Bern. Schreibt über das, was beim Bauen wirklich passiert.